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Karl und Tini sind seit fünfzig Jahren verheiratet und sprechen nicht mehr miteinander. So gut wie nie sprechen sie miteinander. Warum auch. Es wurde schon alles gesagt und alles getan. Tini ist genervt von seinem lauten Schnarchen und generell von seinen menschlichen Zwischengeräuschen. Karl sieht sich nur noch den Wetterbericht an. In Tirol schneits schon wieder. Meine Güte da will er jetzt nicht sein. Sie leben wortlos nebeneinander her. Die Stille wird nur gelegentlich von einsilbigen Kommentaren und von Karls heftigen Hustanfällen unterbrochen. Die Bronchen. Da kann man nichts machen. Es ist Silvester und wider erwarten hat sich der Enkel angekündigt, wahrscheinlich weil er knapp bei Kasse ist und auf einen großelterlichen Hunderter aus ist. Karl wurde genötigt sich einen Anzug anzuziehen. Tini hat groß aufgekocht. Es gibt Kabeljaufilet und die edlen Teller mit dem kleinen Goldrand. Eine riesige Messinggans, mit Eiswürfeln und Sektflasche darin, rundet das Gesamtbild ab. Karl dreht immer wieder den Hals der Flasche zurecht. Doch der Enkel kommt nicht. Man beschließt schon mit dem Essen anzufangen. Man will die Sektflasche trotzdem öffnen. Doch dies erweist sich als ungeahnter Konflikt. Trotz beidseitiger Furcht vor dem Objekt, entpuppt sich der Öffnungsprozess als bitterer Machtkampf und Angst vor Kontrollverlust. Während sie mit der Flasche hantieren und sie sich gegenseitig aus der Hand zu reißen versuchen, bricht plötzlich alles heraus, was sich die letzten Monate und Jahre angestaut hat. Die Teller fallen zu Boden. Die Gabeln fallen zu Boden. Die Messinggans trifft brutal auf dem Boden auf. Die Eiswürfel schlittern über das Parkett. Karl und Tini sträuben und verkeilen sich ineinander, die Sektflasche fest umklammert. Inmitten des heftigen Streits springt der Korken plötzlich doch raus, gegen den Messingleuchter, der wiederum das Esszimmerfenster einschlägt. Stille. Sie sitzen sich schweigend in ihrem verwüsteten Esszimmer gegenüber. Tini nimmt sich etwas vom übrig gebliebenen Kartoffelpüree, sie isst es direkt aus der Schale. Karl nimmt sich mit der Hand ein Stück vom Lachs. Sie essen schweigend. Der Wind zieht eisig herein und das Feuerwerk beginnt. Sie steht irgendwann auf und geht ans Fenster um hinaus zu blicken. Er stellt sich neben sie und sie sehen sich das Spektakel an.

Appendices

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